KI in der Ahnenforschung: Von Papierchaos zu strukturierten Rohdaten

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Last Updated on 14. Januar 2026 by Dein Coach

Künstliche Intelligenz eröffnet der Ahnenforschung eine Fülle neuer Möglichkeiten. In diesem Beitrag möchte ich mich bewusst auf eine einzige, besonders sinnvolle Anwendung beschränken – über alles andere können wir später sprechen. Gemeint ist nicht das „magische“ Erstellen fertiger Stammbäume auf Knopfdruck, sondern die Fähigkeit von KI, Muster zu erkennen, Informationen zu sortieren und Rohmaterial zu strukturieren. Genau darin liegt ihre eigentliche Stärke für genealogische Arbeit.

KI eignet sich hervorragend dafür, aus vorhandenen Papierdokumenten, Scans oder digitalen Kopien zunächst einmal verwertbare Rohdaten zu erzeugen, mit denen man anschließend weiterarbeiten kann. Wichtig ist dabei eine realistische Erwartungshaltung: KI nimmt dir nicht die gesamte Arbeit ab. Man wirft kein PDF hinein und erhält automatisch einen korrekten, vollständigen Stammbaum. Das funktioniert nicht – und wird es auf absehbare Zeit auch nicht tun. Was jedoch sehr gut funktioniert, sind einzelne, klar definierte und logisch aufeinander aufbauende Arbeitsschritte, bei denen KI gezielt unterstützt.

Die entscheidenden Voraussetzungen für Erfolg sind dabei erstaunlich untechnisch:

Geduld, Sorgfalt, Kontrolle – und Pausen!

… gefolgt von einem !! erneuten Durchgang !!.

Genau nach diesem Muster konnte ich aus einem alten Nadeldrucker-Ausdruck aus den 1980er-Jahren, ergänzt durch eine später aufgefundene Excel-Tabelle eines Verwandten, (noch ohne KI!) Schritt für Schritt eine saubere CSV-Datei erzeugen. Nach Import in Ahnenblatt, Korrekturen anhand des Importprotokolls, weiterer Bereinigung über die Plausibilitätsprüfung und erneutem Nacharbeiten entstand schließlich ein konsistenter Bestand, der sich sauber als GEDCOM exportieren ließ. Kein Zauber – aber solide, nachvollziehbare Arbeit mit kluger Unterstützung.

So konnte ich – nach ca. dreieinhalb Monaten intensiver Arbeit – einen Familienzweig von 458 Personen zu meinem bestehenden Stammbaum hinzufügen und um 1/3 vergrößern.

Nur Papier? Nein – Gold!

Manchmal beginnt die eigentliche Arbeit sogar noch einen Schritt früher. Nicht jedes PDF enthält tatsächlich Text. Gerade bei älteren Familienunterlagen, eingescannten Stammbäumen oder kopierten Typoskripten besteht das PDF oft nur aus reinen Bildern. Für den Menschen gut lesbar – für den Computer völlig stumm. In solchen Fällen helfen weder PDF-Konverter noch Textkopierer, weil es schlicht nichts zu extrahieren gibt.

Hier kommt OCR (Texterkennung) ins Spiel. Mit geeigneten Tools – etwa über KI-basierte OCR – lassen sich diese Bild-PDFs wieder in echten Text verwandeln. Die Ergebnisse sind selten perfekt: Buchstaben werden verwechselt, Zeilen springen, Sonderzeichen leiden. Aber auch hier gilt: Für die Weiterverarbeitung ist lesbarer Rohtext völlig ausreichend. Die strukturelle Ordnung entsteht nicht durch perfekte Erkennung, sondern durch den nächsten Schritt – die bewusste, strukturierende Umwandlung in Daten. OCR ist damit kein Selbstzweck, sondern schlicht das Tor zurück zur Bearbeitbarkeit.

KI – Vorteile bei der Texterkennung

Der große Vorteil von KI als OCR-Werkzeug liegt darin, dass sie den erkannten Text nicht nur übernimmt, sondern ihn bereits strukturiert, zusammenführt und offensichtliche Fehler glättet – im Gegensatz zu klassischer OCR, die den Text nur „blind abtippt“. Trotzdem gilt auch hier: KI versteht plausibel, nicht wahrheitsverbindlich – deshalb immer kontrollieren, nachschärfen und selbst entscheiden.

Altdeutsche Handschrift? Transkribus ist die Lösung.

Ein Sonderfall – und zugleich ein echter Schatz – sind altdeutsche Handschriften, insbesondere Sütterlin. Durch die kontinuierliche Beschäftigung mit Originalquellen kann man erstaunlich schnell Fortschritte machen: Inzwischen kann ich, je nach Handschrift der schreibenden Person, etwa 50–70 % solcher Texte selbst lesen. Das allein verändert den Blick auf Quellen massiv, weil man nicht mehr vollständig auf Transkriptionen angewiesen ist.

Ich habe auch GPT direkt zur Handschriftenerkennung ausprobiert – mit eher durchwachsenen Ergebnissen. Was dagegen sehr zuverlässig funktioniert, ist Transkribus. Ein kostenloses Konto reicht für den Einstieg völlig aus: Man erhält monatlich 50 Credits, wobei nach meinem Verständnis 1 Credit einer Seite entspricht. Ich habe damit bereits handgeschriebene Lebensläufe, amtliche Aktenvermerke und Anschreiben transkribiert – die Ergebnisse sind beeindruckend gut. Selbst ohne Konto kann man schon einen Test machen.

Ein in Trascribus "übersetzter" Aktenvermerk - KI in der Ahnenforschung

Transkribus nimmt einem nicht alles ab: Eine Grundlesefähigkeit – gerade bei Sütterlin – bleibt wichtig, um Erkennungsfehler zu erkennen und einzuordnen; mir hilft dabei oft schon die Transkription selbst, um den Text „zu verstehen“, vorausgesetzt man liest ihn im Kontext des ursprünglichen Schreibens und nicht isoliert.

Wichtig zu wissen: Transkribus schreibt, was es liest, korrigiert aber nicht inhaltlich. Genau hier ergänzt sich das Werkzeug ideal mit KI: Der transkribierte Text lässt sich anschließend noch einmal durch ein Sprachmodell prüfen, glätten und plausibilisieren – selbstverständlich immer mit abschließender menschlicher Kontrolle.

Was ist Transkribus?

Transkribus ist kein klassisches „Tool eines einzelnen Anbieters“, sondern Teil eines offenen, forschungsnahen Ökosystems. Die Plattform ist aus europäischen Forschungsprojekten hervorgegangen und wird von Universitäten, Archiven, Ahnenforschungsvereinen, Gedächtnisinstitutionen und beteiligten Unternehmen gemeinsam weiterentwickelt. Ziel ist es, historische Quellen dauerhaft zugänglich zu machen – nicht proprietär abzuschließen. Dieses genossenschaftsähnliche Modell erklärt auch, warum Transkribus vergleichsweise transparent arbeitet, offen dokumentiert ist und sich besonders für wissenschaftliche, genealogische und archivische Arbeit eignet.
Zur Arbeitsweise:
Ausgangspunkt war ein konkretes Praxisproblem, das ich im Dialog mit KI gelöst habe; die strukturierte Ausformulierung dieses Artikels erfolgte ebenfalls mit Unterstützung der KI und wurde veröffentlicht, damit auch andere davon profitieren können.

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