Last Updated on 9. März 2026 by Dein Coach
Jedes Jahr stelle ich mir am Frauentag dieselbe Frage: Was gibt es noch zu sagen? Was soll ich Neues schreiben über den Frauentag im Schatten der Epstein-Files? Gerade letzte Woche habe ich auf Deutschlandfunk den Podcast „Lieblingsschülerin“ gehört. Sexuelle Übergriffe auf Mädchen im Schulkontext.
Erschütternd. Beides.
Die Zahlen, die niemand mehr hören will
Auch 2026 herrscht noch keine echte Gleichstellung – weder im Großteil der Welt noch in unseren „fortschrittlichen“ Industrienationen. Frauen sind finanziell und wirtschaftlich überproportional stark benachteiligt. Weltweit. Ganz zu schweigen von Gewalt in Partnerschaften. Etwa alle zehn Minuten wird auf unserem einzigartigen Planeten eine Frau durch einen nahen Angehörigen getötet. Und selbst in Deutschland registriert die Polizei täglich rund 500 Fälle von Gewalt gegen Frauen, etwa 140 sexualisierte Übergriffe – von Belästigung bis hin zur Vergewaltigung – und fast jeden Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Frauen und Mädchen werden immer noch allein deshalb Opfer von Gewalt, weil sie Frauen sind.
Wie wir hier gelandet sind
Ich könnte viele Seiten darüber schreiben – mit Zahlen, Statistiken und Berichten – wie ungerecht es ist und wie beschissen es auf dieser Welt noch immer sein kann, als Frau zu leben. Vielleicht lohnt deshalb ein kurzer Blick weiter zurück. Im Kontext der Weltgeschichte ist es eigentlich noch gar nicht so lange her, dass die Menschen sesshaft wurden. Erst vor etwa 10.000 Jahren. Bis dahin lebten sie in kleinen nomadischen Gruppen. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Das Weibliche wurde oft als göttliches Prinzip des Lebens verehrt. Frauen waren keine Menschen zweiter Klasse.
Mit der Sesshaftigkeit begann sich jedoch etwas zu verändern. Besitz wurde wichtig, Abstammung plötzlich entscheidend. Kontrolle über Erblinien – und damit über Sexualität – entstand, und mit Besitz konzentrierte sich Macht. Dies wiederum führte zu Auseinandersetzungen, Kämpfen und Kriegen. Die Ergebnisse sehen wir bis heute. Jeden Abend in den Nachrichten.

Das Paradoxe: Fortschritt und Regression gleichzeitig
Doch es wäre zu einfach – und am Ende auch zu traurig – an dieser Stelle stehenzubleiben. Es hat immer wieder Versuche gegeben, diesen gordischen Knoten zu lösen: sexuelle Revolution, Feminismus, Gender- und Gleichstellungsdebatten. Aber gesellschaftliche Veränderungen verlaufen selten geradlinig.
Und trotzdem erleben wir heute etwas Paradoxes. Statt eines klaren Fortschritts sehen wir zeitgleich eine Rückkehr zu sogenannten „alten Werten“. Traditionelle Rollenbilder für Frauen werden Instagram-tauglich inszeniert – Stichwort Tradwives. Gleichzeitig wird toxische Männlichkeit wieder offensiv gefeiert und millionenfach geliked. Andrew Tate ist nur das sichtbarste Beispiel.
Das wirkt wie eine Gegenbewegung. Als würde sich die Geschichte noch einmal verhärten, bevor sie weitergehen kann. Offenbar zeigt sich gerade jetzt, wie weit eine jahrtausendelange Überbetonung des Männlichen – des Habens, der Kontrolle, der Macht – die Welt an den Rand des Abgrunds geführt hat.
Warum das auch Männer betrifft
Die jahrtausendelange Überbetonung des Männlichen hat nicht nur Frauen geschädigt. Sie hat auch Männer in ein eng gesticktes Korsett gezwängt. Echte Verletzlichkeit macht verdächtig. Echte Fürsorge kann nicht maskulin sein. Echte Empathie erscheint als Schwäche. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber Frauen. Das ist auch gegen die Natur von Menschen. Eine andere Zukunft könnte dort beginnen, wo wir aufhören, das zu verwechseln: Stärke mit Dominanz. Erfolg mit Besitz. Sicherheit mit Kontrolle.
Die Zukunft gehört denen, die gelernt haben zu teilen
Das klingt utopisch. Aber es ist nicht naiv. Denn wir haben bereits gesehen, wohin die Alternative führt – die Verhärtung, die Gegenbewegung, der Rand.
Vielleicht beginnt eine andere Zukunft genau dort, wo wir – Frauen wie Männer – den Mut finden, mehr Weiblichkeit zu wagen: Fürsorge, wo wir bisher im Besitzen verhaftet waren. Beziehung wo wir versucht haben zu kontrollieren und Empathie wo bisher dominiert wurde. Das Bewusstsein, dass Leben nicht Besitz ist, sondern eine gemeinsame Erfahrung, die wir miteinander teilen. Und dass Zukunft dort entstehen kann, wo Sein wichtiger ist als Haben.
Die Zukunft gehört nicht Frauen oder Männern.
Sie gehört denen, die (wieder) gelernt haben zu teilen.

