8. Mai – und meine Familie

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Last Updated on 11. Mai 2026 by Dein Coach

8. Mai, abends. Ich liege bedrückt auf der Couch. Tag der Befreiung. In der DDR ein wichtiger Tag. Wie weit sind wir denn mit der „Befreiung“, denke ich?

Seit kurzem sind die digitalisierten Mikroverfilmungen der NSDAP-Mitgliederkartei aus den amerikanischen NARA-Archiven frei online einsehbar. Ich habe dort nach meiner Familie gesucht. Ich bin fündig geworden. Das Dritte Reich ist ein Thema, an dem man bei der Ahnenforschung nicht vorbeikommt. 

Das dritte Reich hautnah

Hitler am 06.10.1938 gegen 9:40 in Löbau am Neumarkt, Richtung Neusalzaer Straße. Auf dem Weg nach Schluckenau über Oppach
Hitler am 06.10.1938 gegen 9:40 in Löbau am Neumarkt, Richtung Neusalzaer Straße. Auf dem Weg nach Schluckenau über Oppach
Quelle: http://www.mahnung-gegen-rechts.de/

Meine Oma hat Hitler mit vielen anderen am 06. Oktober 1938 an der Straße zwischen Löbau und Sohland begeistert zugejubelt, auf seiner Reise ins Sudetenland. Mein Großvater väterlicherseits wurde 1941 an die Ostfront eingezogen. Mein Vater war sechs, meine Tante vier. Er geriet März 44 in Gefangenschaft. Sein Bruder war 1939 in die NSDAP eingetreten. Mein Großvater mütterlicherseits wurde 1917, zwei Monate vor seinem 18. Geburtstag, an die Westfront eingezogen und ging 1933 als einer der Ersten freiwillig zur SS. Er war später in der Nähe des Ghettos Litzmannstadt in Polen stationiert. Was er dort wirklich gemacht hat, darüber gibt es in der Familie nur Geschichten, natürlich war er einer der guten Nazis. In meiner angeheirateten Familie waren Familien Mitglieder in der NSDAP, viele der Männer in höheren Rängen in der Wehrmacht.

Im Dritten Reich war jeder fünfte Erwachsene in irgendeiner Form im System engagiert.

Statistisch gesehen hat damit jede Familie mindestens einen Fall, der es wert wäre, angesehen zu werden.

Löbau umjubelt den Führer – 06.10.1938 – Quelle: SLUB Dresden

Im letzten Herbst jährten sich die Nürnberger Prozesse zum 80. Mal. Vierundzwanzig Hauptverantwortliche standen vor Gericht. Die Prozesse waren ein Novum: Sie begründeten das internationale Völkerrecht. Historisch neu und wichtig. Die persönliche Verantwortung des Einzelnen. Trotzdem frage ich mich: bedeutete das den Freispruch für Millionen?

Wie es nach 45 weiterging – oder aber eben nicht

In der Bundesrepublik agierte Adenauer pragmatisch und rational. Er hat dafür gesorgt, dass möglichst schnell wieder Normalität Einzug hielt. Auch im Osten konzentrierte man sich auf den Wiederaufbau, und viele wollten einen ehrlichen Sozialismus als radikalen Gegenentwurf zu Krieg und Vernichtung. Beides nachvollziehbar. Wofür keine Zeit, kein Platz und keine Kraft blieb, war das, was Theodor Heuss gefordert hatte: kollektive Scham und Trauerarbeit. Klar, wie hätte das funktionieren sollen? Viele Menschen, die im Dritten Reich einflussreiche Positionen hatten, haben sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR wieder Verantwortung getragen. Also wurde verdrängt, umgeleitet, funktionalisiert. Der Blick ging nach vorn.

Genau das fällt uns heute auf die Füße. Es gab und gibt viele gute Projekte der Erinnerungsarbeit, die wichtig sind und weitergehen müssen. Sie blieben punktuell, persönlich, und insgesamt an der Oberfläche. Da ist es kein Wunder, wenn mancher eine erinnerungspolitische 180-Grad-Wende fordert und andere vom Schuldkult sprechen. Wer als Kind zum zehnten Mal in eine Gedenkstätte geführt wird, ohne dass jemand einfühlsam erklärt, was das mit einem selbst und der eigenen Familie zu tun hat, der hört irgendwann auf zu fragen. Vielleicht ist es weniger Erschöpfung vom Erinnern als Abstumpfung durch Wiederholung. Auch ich war zur Jugendweihefahrt in Buchenwald. Wir sind da durchgestapft. Haben uns alles angesehen, aber das Grauen blieb fern.

In vielen Familien wurde und wird bis heute über diese Zeit geschwiegen. Ahnenforschung bedeutet eben auch an den dunklen Stellen ehrlich hinzusehen, und auszuhalten, was man findet. Ich habe damit in meiner eigenen Familie angefangen. Um zu verstehen, welches Erbe ich trage und was ich daraus mache. Ich bin froh, dass ich nie herausfinden musste, wer ich unter diesen Bedingungen geworden wäre. Zumindest verstehe ich Helmut Kohl’s umstrittene Aussage zur ‚Gnade der späten Geburt‘ so. Trotzdem bleibt eine Frage, die mich umtreibt. Es gab Menschen, die unter diesen Bedingungen Nein gesagt haben. Warum genau? Und warum sie?

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PS: Das Bundesarchiv und die Arolsen-Archives haben Millionen Akten von echten Menschen, echten Entscheidungen, echten Leben. Wer wissen will, was seine Familie damals gemacht hat, kann unter brownarchive.org direkt auf die Mikroverfilmung der Mitgliedskarten zugreifen. Für Dokumente zur Verfolgung und zu Opfern bieten arolsen-archives.org Hinweise. Wer möchte, dem empfehle ich als gelungenen Einstieg in das Thema die ZDF-Dokumentation „German Guilt“ von Thilo Mischke — drei Folgen à 30 Minuten, verfügbar in der Mediathek.

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