Last Updated on 22. Januar 2026 by Dein Coach
Ich arbeite verkürzt.
Die 40-Stunden-Woche habe ich in den letzten 41 Jahren nicht infrage gestellte (zu Ostzeiten 41,75). Im Schnitt war ich ca. 10 Stunden am Tag von zu Hause abwesend. Jetzt gehe ich verkürzt. Nicht aus einer spontanen Laune heraus. Nicht, weil ich plötzlich „Work-Life-Balance“ entdeckt hätte. Sondern auf Empfehlung des Amtsarztes.
Bin ich noch Normal?
Ich habe durchaus schon öfter mit dem Gedanken gespielt, meine Arbeitszeit zu reduzieren. Allein die Frage der Finanzen hat immer gebremst. Vielleicht wäre ich auf 38 Stunden gegangen, damit ich freitags eher gehen kann, ohne das in der Woche rauszuarbeiten. Vielleicht maximal auf 35. Jeden Tag eine Stunde weniger. Mehr Spielraum habe ich mir selbst nie zugestanden. Ohne diesen Impuls wäre es vermutlich nie passiert. Rückblickend kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Wer 40 Stunden arbeitet, gilt als normal.
Wer weniger arbeitet, muss sich erklären.
Allein das sollte misstrauisch machen.
40 Stunden pro Woche gelten als Maßstab. Als Grenze zwischen Fleiß und Faulheit. Zwischen „leistungsbereit“ und „nicht belastbar“. Aber wer hat eigentlich entschieden, dass genau diese Zahl die Norm ist?
Die 40-Stunden-Woche ist kein Naturgesetz.
Sie ist eine kulturelle Gewohnheit.
Entstanden in einer Zeit, in der Arbeit an Maschinenrhythmen angepasst wurde – nicht an Menschen. Und sie wirkt bis heute nach, als wäre sie alternativlos. Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Menschen weniger arbeiten wollen – sondern dass niemand fragt, warum sie überhaupt so viel arbeiten sollen.
Und jetzt geht es gar nicht mehr um die 35- geschweige denn 30-Stunden-Woche. Sondern 42 Stunden. Und noch länger arbeiten, nicht bloß bis 67, am besten bis 70 oder bis man in die Kiste hopst. Rente gespart – sozialverträgliches Frühableben.
Der Mythos der verlängerten Arbeit
In regelmäßigen Abständen taucht sie wieder auf, diese scheinbar einfache Lösung: Wenn die Wirtschaft schwächelt, wenn Fachkräfte fehlen, wenn die Produktivität sinkt, dann müsse man eben länger arbeiten. Mehr Wochenarbeitszeit. Mehr Lebensarbeitszeit. Weniger Freizeit. Mehr Pflicht.
Dieser hartnäckige Glaube, dass längere Arbeitszeiten automatisch zu höherer Produktivität führen würden. Dass eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit oder der Lebensarbeitszeit den Wohlstand steigern würde. Genau das wird derzeit wieder – teils gebetsmühlenartig – gefordert. Als wäre Arbeitszeit eine Art Hebel, den man nur nach oben ziehen muss, um Leistung zu erzeugen.
Ich halte das für einen Irrtum.
Mehr arbeiten? Die Falsche Frage!
Produktivität ist meiner Meinung nach keine Folge der Länge von Arbeit, sondern das Ergebnis anderer, viel tiefer liegender Faktoren. An erster Stelle steht die Sinnfrage: Macht meine Arbeit Sinn? Trage ich zu etwas Größerem bei – oder bin ich nur ein Rädchen in einem System, das man völlig problemlos austauschen kann?
Produktivität beginnt nicht mit Zeit, sondern mit Bedeutung.
Daraus folgt eine zweite Frage: Macht mir meine Arbeit Spaß? Fühle ich mich an dem Ort wohl, fühle ich mich im Team aufgehoben, fühle ich mich gesehen? Ich verbringe dort mehr Zeit als mit den Menschen in meiner Familie. Das allein ist schon eine existenzielle Zumutung – oder eine Quelle von Energie.
Vielleicht halten wir den Laden nicht am Laufen,
sondern am Leben, obwohl er längst umbaufällig ist.
Dann stellt sich eine weitere, oft verdrängte Frage: Darf ich meine Stärken und Fähigkeiten ausleben? Darf ich kreativ sein, eigene Wege finden, neue Lösungen ausprobieren? Oder bewege ich mich in einem engen, regelbasierten Korsett, das mir kaum Luft zum Atmen lässt?
Die entscheidende Frage ist nicht, wie lange wir arbeiten –
sondern, ob wir dabei leben dürfen.
Die Hauptfrage geht noch tiefer: Darf ich bei der Arbeit Mensch sein? Oder darf ich dort überhaupt erst zum Menschen werden?
Habe ich Aufgaben, die meine Neugier wecken, meine Lust am Forschen und Entdecken beflügeln, meine Freude am Finden von Lösungen? Oder erledige ich Aufgaben, die zwar wichtig scheinen, mich nach der Erledigung aber leer lassen?
Vielleicht ist das Problem nicht, dass Menschen zu wenig Sinn erleben –
sondern dass unser System zu viel sinnlose Arbeit produziert.

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Kann ich nach einem arbeitsreichen Tag beschwingt nach Hause gehen, mit dem Gefühl: Heute habe ich etwas geleistet. Heute habe ich beigetragen. Heute war ein guter Tag? Oder frage ich mich: Was hast du heute eigentlich gemacht? Habe ich nur verwaltet, nur abgeheftet, nur dokumentiert und kontrolliert? Oder gab es einen messbaren Output, einen spürbaren Erfolg, einen Sinn?
Vielleicht ist die Verlängerung der Arbeitszeit kein ökonomisches Konzept –
sondern ein Zeichen dafür, dass uns die Ideen ausgegangen sind.
Gewohnheit statt Gesundheit – Formen moderner Ausbeutung
Besonders deutlich wird das dort, wo diese Norm ausgehöhlt wird: bei Selbständigen, die 50 oder 60 Stunden arbeiten und sich dabei einreden, sie seien frei – während sie sich selbst ausbeuten. Oder dort, wo Überstunden „Pflicht“ sind, am Monatsende verfallen und ohne Ausgleich verschwinden. Eine elegante Form, Arbeitszeit zu entwerten und Löhne indirekt zu drücken.
Das, was wir „normal“ nennen, ist weder selbstverständlich noch gesund.
All das gilt als normal. Dabei ist es vor allem eines: gewohnt. Vielleicht haben wir keinen Mangel an Motivation – sondern einen Mangel an Maß. Mir geht es dabei nicht darum, den großen Revolutionär zu spielen. Veränderung passiert selten durch große Würfe. Meist entsteht sie durch viele kleine Verschiebungen. Jeder trägt auf seine Weise bei. Ich tue das unter anderem hier – indem ich meine Erfahrung teile und Fragen stelle, statt Antworten zu verordnen.
Fachkräftemangel – oder Organisationsproblem?
Wir reden ständig vom Fachkräftemangel. Der ist real. Und gleichzeitig gibt es Arbeitslose. Menschen, die zu uns gekommen sind und arbeiten wollen. Menschen, die teilhaben möchten – nicht nur finanziell, sondern sinnvoll. Theoretisch wäre also etwas anderes denkbar:
Umverteilung von Arbeit, Teilhabe am Arbeitsleben, Sinnstiftung für mehr Menschen.
Theoretisch. Vielleicht haben wir weniger ein Fachkräfteproblem als ein Strukturproblem. Und dann kommt noch etwas hinzu, das wir gern verdrängen: Ein erheblicher Teil der Arbeit, die heute geleistet wird – gerade im Bereich Verwaltung, Organisation, Papierkram – wird in fünf, spätestens in sieben bis zehn Jahren von KI-Systemen erledigt werden.
Übrig bleiben wird Arbeit*, die tatsächlich menschlich ist:
handwerklich, kreativ, beziehungsorientiert.
Alles andere ist Übergangsrauschen. Nicht weil KI so schlau ist – sondern weil ein großer Teil unserer Arbeit erschreckend mechanisch ist.
*) Arbeit, die nicht automatisierbar ist
Lehren, Pflegen, Heilen, Begleiten, Bauen, Reparieren, Retten, Helfen, Kontrollieren, Vermitteln.
Arbeit, die nicht nur effizient, sondern bedeutsam ist. Arbeit, die nicht delegierbar ist – weil sie Beziehung, Verantwortung und Erfahrung voraussetzt.
Das Ironische daran: Seit ich verkürzt arbeite, bin ich produktiver. Ich erledige im Kern dieselbe Arbeit – für weniger Geld. Das widerspricht jeder Leistungsmoral. Und genau deshalb ist es interessant.
Homeoffice – Entlastung ohne Befreiung
Seit Corona haben wir neue Möglichkeiten: Homeoffice, mobiles Arbeiten, hybride Modelle. Das war ein großer Schritt – ohne Frage. Aber er löst das eigentliche Problem nicht. Denn der Stress verschwindet nicht automatisch, nur weil ich mir die Fahrt spare. Er verschiebt sich. Ich sitze vielleicht vormittags zu Hause am Schreibtisch, erledige Termine, arbeite konzentriert. Nachmittags bin ich unterwegs oder kümmere mich um andere Dinge. Und abends?
Da wartet die innere Rechnung: Du bist noch nicht bei deinen Stunden.
Das Ergebnis ist kein freier Tag, sondern ein zerhackter. Kein echter Feierabend, sondern ein ständiges inneres Nachjustieren. Ich komme nach Hause – und muss noch einmal ran, um „voll“ zu machen.
Homeoffice entlastet Wege, aber nicht die Norm. Solange die 40 Stunden unantastbar bleiben, bleibt auch der Druck bestehen. Er wird nur unsichtbarer. Und oft sogar perfider, weil er sich ins Private hineinfrisst. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben wird nicht klarer – sie löst sich auf. Erst die Reduktion der Arbeitszeit selbst schafft wieder etwas, das verloren gegangen ist: einen echten Abschluss. Einen Punkt am Tag, an dem Arbeit nicht mehr im Hintergrund weiterläuft.
Wir haben gelernt, Arbeit zu flexibilisieren – aber nie, sie zu begrenzen.
Beim mobilen Arbeiten muss ich ehrlich sein: Ich arbeite nicht jeden Tag mobil. Vielleicht vier bis fünf Tage im Monat. Der Rest ist Präsenz. Gegenüber einem „normalen“ Arbeitstag früher, habe ich an so einem Tag konkret jetzt vier Stunden mehr für mich. Der Effekt ist real, aber nicht permanent. Und trotzdem reicht schon diese kleine Verschiebung, um zu spüren, wie viel Zeit normalerweise verloren geht. Aber auch wenn ich „im Amt bin“, macht das weniger an Berufsverkehr, das schneller an der Supermarktkasse, der Wegfall der Mittagspausenpflicht (die ich sowieso oft am Rechner verbracht habe) vor allem das entspanntere auf dem Weg sein, einen messbaren Effekt an Zeit und Wohlergehen.
Kein Wellness, sondern Endlichkeit
Es geht mir nicht um Wellness. Nicht um Selbstoptimierung. Nicht um „es mir schön machen“. Es geht um etwas Banales und Unausweichliches:
Ich lebe nur einmal.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben. Ich habe die statistische Mitte bereits überschritten. Und ich möchte mir irgendwann nicht sagen müssen, dass ich meine Zeit hauptsächlich im Stau verbracht habe – morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends auf dem Rückweg, zwischendurch an der Kasse im Supermarkt.
Ich arbeite heute 28 Stunden pro Woche. Fünf Stunden sechsunddreißig Minuten am Tag. Und ehrlich: Es geht mir damit besser, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Wenn ich nach Hause komme, scheint noch die Sonne. Ich koche in Ruhe. Ich esse mit meinem Sohn. Ich habe Zeit zum Schreiben, zum Gehen, zum Nichtstun. Oder einfach, um den Hühnern zuzusehen.
Erst jetzt merke ich, wie viel Leben mir vorher schlicht verloren gegangen ist. Nicht durch die Arbeit selbst – sondern durch all das drumherum: den Stau, die Hetze, die Müdigkeit, das permanente „zu spät“. Und das Erstaunlichste: Meine Arbeit macht mir wieder mehr Spaß. Ich bin präsenter. Ehrlicher. Produktiver.
Vielleicht ist also nicht die verkürzte Arbeitszeit das Problem. Sobdern eher die Idee, dass 40 Stunden die einzig denkbare Form von Arbeit seien.
„Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat,
Friedrich Nitsche
ist ein Sklave.“
Sehr drastich, doch aus meiner Sicht die richtige Frage.
Was wäre, wenn nicht die verkürzte Arbeitszeit erklärungsbedürftig wäre –
sondern die 40-Stunden-Woche?
Nietzsche rechnerisch ernst genommen
Wenn man diesen Satz ernst nimmt und nicht nur philosophisch, sondern mathematisch liest, wird er plötzlich unbequem. Zwei Drittel eines Tages sind sechzehn Stunden. Zieht man noch die Schlafenszeit ab,
… bleiben etwa zehn bis zwölf Stunden, die einem Menschen – ganz für sich allein – gehören sollten,…
wenn er nicht fremdbestimmt leben will. Die Realität sieht anders aus.
Ein normaler Arbeitstag besteht nicht nur aus acht Stunden Arbeit. Dazu kommen Pendelzeiten, Pausen, Vorbereitung, Erschöpfung, mentale Nachwirkungen. Unausgesprochen erwartete oder explizit angeordnete Überstunden nicht eingerechnet. Realistisch betrachtet „verliert“ ein Mensch an einem klassischen Arbeitstag zwischen zehn und zwölf (oder mehr) Stunden an fremdbestimmte Zeit.
Wir leben längst in einer Form moderner (Lohn)Sklaverei – nur ohne Ketten und Peitsche. Dafür mit Excel, Meetings und Mails…

Was Sterbende am meisten bereuen
Die Palliativpflegerin Bronnie Ware hat die Erfahrungen ihrer Arbeit in Ihrem Buch „Was Sterbende am meisten Bereuen“ als 5 wichtigsten Wünsche zusammengefasst. Ich habe sie hier für dich bewusst als positive Aufforderungen formuliert.
Die fünf größten Lebenswünsche
Top 1
Folge deinem Weg, verwirkliche deine Träume, lebe nach deinem Herzen.
Erwartungen anderer sind keine guten Ratgeber.
Top 2
Schätze die Zeit mit Familie, pflege Freundschaften, genieße Nähe.
Arbeit und Karriere sind wichtig – aber nicht alles.
Top 3
Sprich ehrlich, fühle offen, zeige dich ganz.
Sich zu verbiegen um des lieben Friedens willen, tut auf Dauer nicht gut.
Top 4
Hör zu, lache mit, bleib verbunden.
Gemeinschaft hält uns lebendig – sie ist die beste Medizin bei Stress und Zynismus.
Top 5
Wähle Glück, erlaube Leichtigkeit, lass los, was dich beschwert.
Wer das lebt, entdeckt das Wunder im Alltäglichen

